Politiker Stopp

Familie und Terror

Published on 04.05.2006 by Zelot
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Auf Spiegel Online ist ein sehr guter Artikel zur Familie erschienen. Hier einige, etwas größere, Zitate:

War da nicht was – Familie nicht nur als Liebesnest, Notgemeinschaft und Zweckverband, sondern auch als Terrorgemeinschaft, die kleine Hölle in den eigenen vier Wänden? … Waren “Ekel Alfred” oder “Al Bundy” samt ihrer “schrecklich netten” Familien vielleicht Erfindungen von grünen Männchen auf dem Mars?

Ist die Familie nicht seit jeher ein erstrangiger Quell für schwerste psychische und sexuelle Deformationen gewesen? War sie nicht immer auch ein Ort von Seelenqualen und Gewaltexzessen aller Art, nicht zuletzt von Mord und Totschlag? Gibt es nicht überhaupt erst deshalb staatliche Familienfürsorge, Jugendämter und andere Behörden, die im schlimmsten Falle eingreifen müssen? Sind die jüngsten Familientragödien mit mehrfachem Kindsmord, Verhungernlassen, Vergewaltigung durch den Vater und anderen Unsagbarkeiten schon vergessen, wenn der Wetterbericht kommt?

Und ist es nicht der Gipfel der Heuchelei, von jener Institution namens Familie die Lösung unserer Probleme zu erwarten, deren perfektes Funktionieren zur Zeit des Nationalsozialismus eine der verlässlichsten Stützen des menschenverachtenden Regimes war?

Die Unschuld der Familie ist längst verloren – wie die aller bürgerlichen Institutionen. Es gibt kein Zurück in eine vermeintlich heile Welt, sondern nur die Suche nach neuen Formen und Kombinationen. Phantasie ist gefragt statt simpler Nostalgie, Kreativität statt reaktionärem Kitsch

Wer völlig “intakte” Familien sucht, soll doch in die arabische Welt schauen, in Iran und den Irak, nach Sizilien oder nach Berlin-Kreuzberg. Da herrscht sie noch, die “jahrtausendealte” Familientradition.

Dort existiert jene muslimisch-archaische Parallelwelt des Patriarchats, in der es “ein vom Familienverband losgelöstes ‘Ich’ gar nicht gibt”, wie die Soziologin Necla Kelek zu Recht sagt. “Der Sohn ist dem Vater, dem älteren Bruder, dem Onkel sowie Gott gegenüber zu ‘Respekt’, sprich Gehorsam, verpflichtet … Die Männer kontrollieren die Frauen im Namen der Familie. Diesem Islam fehlt das Konzept der entscheidungsfähigen, moralisch verantwortlichen Person vollkommen.

Allah, Stolz und Ehre – das ist alles, was zählt. Die Würde des Menschen ist antastbar, wenn es dem Familienrat gefällt, einem autoritär-archaischen Kollektiv.

Auch in Europa wurden Kinder erst im Laufe des 19. Jahrhunderts als halbwegs eigenständige Persönlichkeiten betrachtet, die Schutz und Anerkennung verdienen. Wie lang der Weg zur selbstverständlichen Würde und Gleichberechtigung des einzelnen war, zeigt ein harmloser Rückblick in die “Geschichte des privaten Lebens” (Philippe Ariès und Georges Duby, 1993), in die Beschreibung des Alltags einer italienischen Familie um 1900: “Meine Mutter hat nie mit uns am Tisch gesessen. Nicht einmal sonntags. Sie ist in der Küche geblieben und hat in der Küche gegessen.” Eine andere Frau erzählt: “Ich weiß noch, wie wir uns abends in der Küche auf den Boden gehockt haben, um zu essen. Wir haben mit den Fingern gegessen, Gabeln gab es nur für die Männer.”

Also reden wir lieber nicht vom Ausnahmezustand bei Polizei, Feuerwehr und Seelsorgestellen aller Art, wenn die großen “Familienfeste”, allen voran Weihnachten, vor der Tür stehen. Reden wir nicht von den Hunderttausenden von Psychoanalyse- und Therapiestunden, in denen schwer gestörte Väter-Töchter- oder Mütter-Sohn-Beziehungen repariert werden müssen. Reden wir nicht von den Jahrzehnten, die es zuweilen dauert, bis aus einer mit Minderwertigkeitskomplexen behafteten Tochter eine selbstbewusste Frau oder aus einem verklemmten Söhnchen ein souveräner Mensch wird, auch wenn er nicht den väterlichen Betrieb übernimmt – oder gerade deshalb.

Erinnern wir uns nur noch einmal kurz daran, warum denn Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre Tausende junger Leute es gar nicht abwarten konnten, von zu Hause auszuziehen, manche schon mit 16, 17, andere ein paar Jahre später. Nicht wenige brachen für Jahre ihren Kontakt zur Familie völlig ab und trampten durch die Welt. Sehr viele zogen in eine Wohngemeinschaft und suchten ein anderes, freieres Leben. Lag das etwa daran, dass sie statt der Bibel Marx und Mao gelesen hatten?

Die Wahrheit ist: Sie hielten es zu Hause einfach nicht mehr aus – in all der autoritären Enge und provinziellen Spießigkeit. Sie wollten freie Subjekte sein, Individuen mit ungeahnten Möglichkeiten der Lebensgestaltung – das also, was bis dahin nur Reichen und Künstlern, dem großen Geld und der Bohème, zu Gebote stand.

Rasch wurde die Wohngemeinschaft zur Ersatzfamilie und durchlief vielfältige Irrungen und Wirrungen. Dennoch gibt es seitdem keinen Weg mehr zurück.

Die komplizierte und gewiss konfliktreiche Patchwork-Familie von 2006 ist eine direkte Folge all der Freiheitserfahrungen in den vergangenen Jahrzehnten.

Es stimmt: Die Emanzipation des Subjekts hat ihren Preis. Aber er kann nicht darin bestehen, die gewonnene Freiheit einfach wieder einzukassieren. Diesen Preis würde Evchen Herman zuallerletzt entrichten. Schöpfungsauftrag hin oder her.

PS: Auch wenn man es kaum glauben kann, auch bei Maischberger finden sich ab und zu interessante Gäste ein, die wirklich etwas zu sagen haben.
In der Sendung vom 18.4.2006 mit dem Titel “Die bindungslose Gesellschaft: Machen die Singles alles kaputt?” hatte Rainer Langhans, letzte Prophet der 68er, einen sehr schönen Auftritt.
Man kann sich die Sendung komplett herunterladen, aber die meiste Zeit wird recht uninteressant vor sich hinpalavert. Ich habe vor einen Zusammenschnitt seiner Aussagen als Video zum Download bereitzustellen.

Links extern:
Mutteralarm in Deutschland: Eine Hölle namens Familie – Kultur – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten
DasErste.de – Menschen bei Maischberger – Sendung vom 18.04.2006

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